was war anders 2017?

25.09.2017 10:30

Hey,

- sehr langer Text dieses Mal :-) aber absolut lesenswert :-)

 ja ich weiß, ich war etwas nachlässig mit meinen Updates hier. Wie die meisten von euch wissen hatte ich viele Auf und Abs in den letzten Wochen. 2 Tage nach dem EM Titel wurde mein Leben total auf den Kopf gestellt und ich hatte danach nie die Lust dazu über mein Gold-Rennen zu schreiben da es mir einfach unwichtig vorkam. Weiter unten möchte ich euch dennoch einen kleinen Einblick in mein "Bestes Rennen" geben. Ich bin auch nach wie vor nicht bereit ausführlich darüber zu schreiben was nicht mal 48h nach meinem "schönsten Tag" genau geschehen ist. Es ist wohl der ärgste Gegensatz den man sich vorstellen kann und zeigt einem dass jede Freude, egal welche, binnen kurzer Zeit ausgelöscht werden kann. Die, die mir nah stehen wissen wie es uns allen ging und geht und es schmerzt nach wie vor sehr. Auch wenn es ein anderer Schmerz ist als zu Beginn, die beiden fehlen einfach so unglaublich und das wird einem jeden Tag aufs Neue bewusst. Trotzdem ging und geht das Leben weiter. So schlimm es auch nach wie vor ist, ich hab bei jedem Rennen meine "Begleiter" und das hat mir sehr geholfen.

So, nun aber zu der Frage, was anders war als die anderen Jahre? Warum hatte ich heuer sportlich gesehen keinen Tiefpunkt? warum war dieses 2017 so genial :-)

Grob gesagt, nicht viel war anders und doch irgendwie alles :-)

Schon im Wintertraining zeigte sich, dass ich mittlerweile auf einem neuen Level angekommen war. Ich ging auch viel entspannter als sonst in die Vorbereitung. Warum das so war kann ich nicht genau sagen. Wahrscheinlich weil ich mir selber keinen Druck mehr machte und das Training der letzten Jahre einfach Früchte trug. Es scheint auch dass ich der Typ bin der keine Trainingslager braucht :-) Ganz anders als im Winter davor verbrachte ich die ganze Zeit Zuhause. Das mir Ergo fahren nix ausmacht wisst ihr ja alle und so konnte ich einen großen Teil meines Trainings auch auf den Skiern abspulen. Klar ist es nicht immer lustig bis zu 4h drinnen zu fahren aber ich bin eben lieber daheim als die ganze Zeit in irgendwelchen Hotelzimmern. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mein Training Zuhause viel konsequenter durchziehen kann. Da fahr ich im Jänner jetzt schon lieber 4 Tage Langlaufen zu meinen Eltern als dass ich 2 Wochen nach Mallorca zum Radfahren fliege.

Die ersten Rennen liefen gut und ich war mit meiner Entwicklung sehr zufrieden. Der Sieg in Houffalize Ende April gab mir die Bestätigung dass ich auf dem richtigen Weg bin. Das 3-tägige Etappenrennen Mitte Mai in Belgien brachte mich dann nochmal eine Stufe höher und war puncto Rennhärte unbezahlbar. 2 Tage danach änderte sich jedoch irgendwie alles. Was mich im ersten Moment verunsicherte und sogar zweifeln ließ ob das alles einen Sinn hat alleine, entpuppte sich nach und nach als richtiger Schritt. Die Entscheidung mein Training allein weiterzuführen war mit ziemlicher Sicherheit einer der Hauptgründe warum sich die Saison ab da so entwickelt hat. Ich will nicht sagen, dass es sich mit Wut im Bauch besser fährt aber dieses "Jetzt erst Recht" Gefühl kennt sicher jeder :-) Versteht mich nicht falsch, ich bin dankbar für die 3 Jahre, sehr dankbar sogar, nur gibt es eben Gründe warum man einen Schlussstrich ziehen muss.....

Wie ich damals schon sagte, hab ich mein Training daraufhin mal total umgekrempelt. Ich hab mir viele Gedanken gemacht, sehr sehr viele sogar. Stundenlang hab ich Varianten durchgespielt und auch verschiedene Ansätze im Training ausprobiert. Hab vieles hinterfragt und herausgefunden was für mich am Besten passt. Im Nachhinein bin ich selber überrascht wie gut das alles funktioniert hat. Wo wir wieder bei dem Thema wären, mit dem richtigen Kopf geht alles. Oh wie wahr!!! Nur woher ich den auf einmal habe weiß ich selber nicht wirklich, wo mich ja letztes Jahr Kleinigkeiten schon aus der Bahn geworfen haben :-) Alles ein Lernprozess wie es scheint. Und natürlich das Körpergefühl. Zum Glück hatte ich das schon immer. Das rettete mich in der Vergangenheit schon vor vielen Fehlern und ist jetzt wo ich alles selber gestalte natürlich Gold wert. Ich spüre genau wie weit ich gehen kann. Die Wochen vor der WM habe ich so intensiv trainiert wie nie zuvor. Da kann es schon passieren dass ich mich im letzten Intervall übergeben musste oder einen Kreislaufkollaps bekam. Es ist ein schmaler Grat zwischen was ist zuviel und was ist schon zu wenig. Ich bin dankbar, dass mir das Gefühl geschenkt wurde, das ganz gut zu spüren. Der Sieg bei der Alpentourtrophy und der 5. Platz bei der WM gaben mir recht.

Erster großer Härtetest für mein "selfmade Training" kam dann nach der WM. Aufgrund einer kleinen OP musste ich eine 2-wöchige Zwangspause einlegen. Ein paar Tage am Meer und einige Laufeinheiten waren Balsam für die Seele, nicht jedoch für meinen Körper. Okay, ich war super erholt aber jegliche Spannung war weg. Hm jetzt würde sich zeigen ob ich das hinbekommen kann. Der 3-Wochen Block lief super und nach den 10 Tagen Livigno war ich sehr zuversichtlich. Training ist eine Sache, Rennen jedoch eine andere. Mit dem Ischgl Ironbike hatte ich mir das wohl schwierigste Rennen als "Wiedereinstieg" ausgesucht. Dieses Rennen ist schon brutal wenn man sich in einem guten Rennrythmus befindet aber nach 6 Wochen Wettkampfpause? Es lief dann jedoch ganz gut. Ich war zufriden auch wenn ich mich nach dem vielen Training nicht ganz frisch fühlte. Und über meine 2 Platten würde ich eine Woche später noch richtig froh sein :-) Mehr dazu weiter unten :-)

Nach Ischgl waren meine Beine im Arsch! Wirklich! ich bin diese 2h langen Anstiege nicht gewohnt und ich war echt verzweifelt im Hinblick auf die EM. Ich wählte eine Hardcore Variante und wusste nicht wirklich ob das der Schlüssel zu Erfolg war. Ich nahm total raus und versuchte mich so gut es ging zu erholen. 2 Tage vor dem großen Tag fühlte ich mich immer noch nicht wirklich so wie ich wollte und freundete mich schon mit dem Gedanken an, dass ich es verbockt hatte mit meiner Planung. Ich wählte dieses mal eine ganz andere Art der Wettkampfvorbereitung und war überrascht dass es dann am Samstag so halbwegs passte. Hatte ich echt das Glück das dieser Wahnsinn mit der Pause auch noch funktioniert hat? Am Tag X war alles so wie ich es wollte. Ich hatte alles auf diesen Tag fokussiert und wollte so sehr eine Medaille! Die Strecke war perfekt für mich und ich freute mich so sehr aufs Rennen. Sonntag beim Aufwärmen war es kalt und es regnete! Ich mag diese Bedingungen. Ich war ruhig und konzentriert und wusste genau was ich tun wollte. Gleich wie bei der WM hatte ich meinen eigenen Plan vom Rennen im Kopf und den wollte ich durchziehen.

Am ersten Anstieg attackierte ich und konnte mich absetzen. Das war auch mein Plan. Nach der ersten Abfahrt folgte ein etwa 10-12 minütiges Stück das eher flach, leicht ansteigend verlief. Ich drehte mich um und sah, dass ich etwa 20 Sekunden Vorsprung hatte. Nur es trat genau dass ein was ich nicht wollte. Hinten hatte sich eine 5er Gruppe formiert und ich war da vorne allein. Kurz zweifelte ich an meinem Vorhaben, beschloss dann aber einen guten Speed bis zum nächsten Anstieg zu fahren. Ich konnte die Gruppe auf Abstand halten. Vom nächsten Anstieg aus baute ich meinen Vorsprung kontinuierlich aus. Wenn ich ein einziges Wort für dieses Rennen finden müsste dann wäre das "perfekt"

Ich zweifelte keine Sekunde daran, dass ich es nicht schaffen könnte. Ich kannte die Strecke auswenig, dafür war ich auch schon 5 Tage davor dort gewesen. Ich wusste wo ich Zeit gutmachen kann und wo es wichtig ist clever zu fahren. Am höchsten Punkt herrschte totaler Nebel und die  Strecke war durch den Regen sehr schlammig und anspruchsvoll. Mir spielte das alles sehr in die Karten. Oben angekommen hatte ich etwa 3 Minuten auf meine Verfolger rausgefahren und wusste um die Tücken in der nächsten Abfahrt. Durch den Schlamm waren die Steine teilweise versteckt und es passierte genau dass, wovor ich am meisten Angst hatte. Mein Vorderreifen verlor schnell an Luft und ich verfiel ganz kurz in Panik. Einen Bruchteil einer Sekunde dachte ich mir: "so das wars jetzt". Ich ortete das Loch, was durch den ganzen Dreck schon nicht so leicht war. Ich drückte einen Plug rein und musste entsetzt feststellen, dass er nicht reichte um das Loch zu dichten. Zweiter Plug rein und es kam zumindest keine Luft mehr raus. Noch schnell die CO2 Patrone rein, dabei auf gut Glück den Luftdruck erahnen und weiter gings.

Noch hatte mich niemand überholt, was mir zeigte dass ich sehr gut unterwegs war. Im langen Flachstück nach der Abfahrt drehte ich mich um und sah ein Duo etwa 40 Sekunden hinter mir. Ich war unschlüssig was ich jetzt machen sollte. Die Tech Zone war kurz vor mir. Sollte ich das Vorderrad wechseln, dann würden mich die beiden überholen und ich müsste das nochmal schaffen mich abzusetzen. Oder soll ich das Risiko eingehn und durchziehen? Es war erst die Hälfte des Rennens absolviert und sollte der Plug nicht halten wäre das Rennen gelaufen. Diese Entscheidung war nicht leicht. Doch Ischgl hatte mir gezeigt, dass es möglich ist 3h mit 2 Plugs im Reifen weiterzufahren ohne das was passiert. Den Luftdruck hatte ich durch Glück auch ziemlich genau erwischt und ich dachte mir einfach "Alles oder Nichts". Entweder es klappt oder es ist alles vorbei. Andreas bestärkte mich auch nochmal in der Zone, dass ich es einfach durchziehen sollte, der Reifen würde schon halten.

Ab diesem Zeitpunkt gab ich einfach alles. Hört sich blöd an, aber ich fuhr buchstäblich um mein Leben :-) Ich fahre viele meiner Rennen mit durchschnittlich 180-185 Herzfrequenz das ist nichts außergewöhnliches für mich. Kommt natürlich auf die Topographie an. Dieses eine Rennen fuhr ich jedoch mit nahezu 190 über die kompletten 3,5h. Was natürlich auch mit der Pause nach Ischgl zu tun hatte, ich war eben total ausgerastet. Das scheint auch irgendwie mein persönlicher Joker zu sein denke ich. Das hatte ich schon immer seit ich zurückdenken kann. Egal ob 10 Minuten Belastung oder 4h - ich fahre es vom Anfang bis zum Ende gleich. Wenn ich einen Leistungstest mache gibt es wahrscheinlich sehr viele Mädels die bessere Leistungstests fahren können. Meine Werte sind gut aber nicht gerade außergewöhnlich. Nur ich kann mich so extrem lange in dem Bereich bewegen. Das ist der Unterschied. Fragt mich nicht nach der Erklärung dafür, das war schon immer so seit ich mich erinnern kann :-) Danke lieber Gott für diese Gabe :-)

Die letzte Tech/Feed Zone befand sich in dem Ort wo wir wohnten. Vo da an kannte ich jeden Meter ins Ziel. Ich wusste, dass ich an die 5 Minuten Vorsprung hatte und beschloss in den Anstiegen alles zu geben und die Abfahrten schön kontrolliert zu fahren um nur ja nicht noch einen Defekt zu riskieren. Bei der 3km Marke kamen mir die ganze Zeit Rechenbeispiele in den Sinn. "Wenn ich jetzt einen Platten habe, wie lange brauche ich für 3km zum laufen?". Bei der 1000 Meter Marke fiel dann endlich die ganze Spannung, ich wusste, dass konnte ich im schlimmsten Fall laufen auch noch :-) Schon krass, da fährt man dem schönsten Sieg seiner bisherigen Laufbahn entgegen und man denkt immer nur daran wie schnell man mit dem Rad laufen könnte im Falle des Falles :-)

Aber das ist eben auch das Besondere an unserem Sport. Du kannst dir bis zum Schluss nie sicher sein. Es kann auf den letzten Kilometern noch alles vorbei sein. Quasi vom Start bis ins Ziel da vorne die Gejagte zu sein, stresst schon ganz schön. Es ist eine andere Art des Rennen fahrens. Du forderst dir alles ab und traust dich einfach nie auch nur eine Sekunde nachzulassen.

Als ich dann endlich auf die Ziellinie einbog war ich einfach so unfassbar glücklich. Man träumt davon, immer und immer wieder. Man stellt es sich vor, immer und immer wieder. Aber wenn es dann wirklich soweit ist, dann bist du einfach nur überwältigt. Das Schönste für mich war es, ins Gesicht meines Freundes zu blicken. Er ist der Einzige der wirklich weiß, was es für mich bedeutet dort angekommen zu sein. Weiß was ich, was wir alles geopfert haben, damit wir diesen Weg gehen. Nur er weiß wie viele Tränen ich vergossen habe um dorthin zu kommen. Wie oft ich enttäuscht wurde und wie oft ich wieder aufgestanden bin. Diese Gefühle mit dem wichtigesten Menschen zu teilen ist das Schönste was man sich vorstellen kann. Dafür bin ich so dankbar!!

Wie ihr wisst, war die Zeit danach eine der schwersten für mich. Doch ich entschied mich relativ schnell wieder ins Renngeschehen einzusteigen. Es half mir besser mit dem Verlust umzugehen und das zu machen was ich am meisten liebe war nur logisch für mich.

Die Rennen nach der EM liefen alle sehr gut für mich. Ich konnte noch 3 wunderschöne Siege feieren und meine Saison nun endlich mal ohne Verletzung beenden! Gestern war mein letzter Trainingstag und nun freue ich mich auf die 3-wöchige Pause und die finalen Hochzeitsvorbereitungen :-)

Bis bald

Christina

 

 

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© 2012 Christina Kollmann

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