WM - so sah meine Vorbereitung aus - dass war mein Rennen....

27.06.2017 12:38

So das Highlight des Jahres ist Geschichte. Es tut gut wenn die Anspannung der letzten Wochen nachlässt und man zufrieden zurück blicken kann. Es war eine besondere WM heuer, nicht nur was die Strecke betrifft. Doch die war sicher mit der größte Grund warum so viele Fahrerinnen auf eine Topplatzierung spekulierten und mit 78 Starterinnen aus 21 Nationen das größte und stärkste WM Feld aller Zeiten hervorbrachte. Die 80 km mit 2000 Höhenmetern sagten ein schnelles, taktisches Rennen voraus. Kaum Singletrails, dafür alles auf Schotter bzw Wiesen und Feldwegen.

Ich persönlich mag den Kurs dort, er ist schnell, er erfordert Können sich im Feld zu bewegen, man muss immer konzentriert sein, darf nicht zu weit hinten herum fahren und vor allem muss man schnellkräftig sein. Alles Faktoren die ich gut beherrsche, doch trotzdem war ich damals vor 2 Jahren skeptisch als ich die EM dort auf diesem Kurs bestritt. Mit meinen 50 Kilogramm gehöre ich eher zu den Leichtgewichten und etwas Masse ist auf dieser Strecke nicht gerade von Nachteil :-)

Schon im Winter war für mich klar, die WM wird mein Saisonhighlight und ich will dort das Beste rausholen. Ich wählte heuer bewusst die Rennen in Belgien als Vorbereitung aus, da sie von der Topographie ähnlich waren. Kurze Anstiege, viele Richtungswechsel usw. Speziell die BEMC, ein 3-tägiges Etappenrennen, brachte mir puncto Kraft und Rennhärte enorm viel. Mitte Mai hatte ich so viele Rennkilometer wie noch nie zuvor und befand mich auf einem sehr guten Level. Auch vom Gewicht her hatte ich etwas zugelegt. Die 2-3 kg mehr würden mir in Singen nicht schaden :-)

Mitte Mai ging mein Weg dann jedoch in eine andere Richtung weiter. Nach 3 Jahren trennte ich mich aus persönlichen Gründen von meinem Trainer und nahm mein Training selber in die Hand. Nach dem Etappenrennen in Belgien stellte ich einiges um und trainierte so intensiv wie noch nie zuvor. Gemeinsam mit meinem Freund stimmte ich das Training auf die Anforderungen der WM Strecke ab. Ich forderte meinem Körper alles ab und bin oft todmüde ins Bett gefallen.

Die Alpentourtrophy war dann mein letzter großer Test sozusagen.Ich konnte eine konstante hohe Leistung über die kompletten 4 Tage bringen und speziell mit der Leistung beim Bergzeitfahren am letzten Tag hab ich mir so meinen persönlichen Traum erfüllt. Ein Bergzeitfahren zu gewinnen, das zeigte mir, dass ich es körperlich drauf habe und das gab mir riesengroßes Selbstvertrauen. 3 Etappensiege und der Gesamtsieg vor meinem Heimpublikum war natürlich ein Traum.

Da ich mein Training ja jetzt selbst in der Hand hatte, lag natürlich auch die Entscheidung welche Rennen ich fahre ganz bei mir. Lange überlegte ich ob ich den Sellaronda Hero fahren sollte und entschied mich dann es so durchzuziehen. Klar, spezifischer hätte ich mich ohne dieses Rennen vorbereiten können. Doch jeder der die Strecke in Singen kennt, weiß dass viel passieren kann dort und ich wollte mich nicht nur auf dieses eine Rennen festlegen und dann eventuell entäuscht nach Hause fahren. So nahm ich den Sellaronda als perfektes intensives Training mit, freute mich über einen 2. Platz und war bereit für die WM.

Donnerstag brach ich mit meinem Freund nach Singen auf und es war etwa 13:00 als wir dort ankamen. Es hatte schon weit über 30 Grad und ich war etwas beunruhigt weil die Temperaturen immer weiter nach oben gingen. Hilft nichts ich wollte unbedingt mein intensives Training am Rennkurs absolvieren. Tut mir leid mein Schatz dass du fast einen Hitzeschlag erlitten hast, aber wenn du mich als Freundin hast musst du da durch :-) Ich danke dir von ganzem Herzen, du bist mein Bester Trainingspartner :-) Nach knapp 3,5h und ungefähr 5 großen Trinkflaschen war meine Rennsimulation geschafft und wir waren erleichtert es ohne Hitzeschlag überlebt zu haben.

Sonntag 10:00 - jetzt war es endlich so weit. Seit Tagen freute ich mich auf diesen Moment wenn es endlich losgeht und die ganze Hinwarterei auf dieses Rennen ein Ende hat. Ich wusste was wichtig sein würde an diesem Tag und hatte einen klaren Plan im Kopf. Der Start war hektisch, denn jeder wollte möglichst nach vorne. Nach etwa 2 km kam der erste Anstieg und das Tempo wurde verschärft. Ich reihte mich unter den ersten 5 ein und von dort wollte ich das ganze Rennen auch nicht mehr weg. Es war einfach sicherer da vorne. Wie vermutet wurden die Anstiege schnell gefahren und ich konnte mich mit den 4 Favoritinnen immer etwas absetzen. In den darauffolgenden Flachpassagen rollten dann immer wieder Fahrerinnen von hinten auf, sodass unsere Gruppe die meiste Zeit etwa 15-20 Frauen umfasste. Schlüssestelle wurde der Singletrail etwa 12 km vor dem Ziel. Schon in unserer ersten von 2 Runden gab es ein regelrechtes Gemetzel um die vorderen Positionen.

Als es auf die zweite Runde ging waren wir immer noch um die 20 Fahrerinnen aber an den etwas längeren Anstiegen schrumpfte unsere Gruppe immer auf 5-6 Leute zusammen. Ich fühlte mich ziemlich gut an diesem Tag. In den Anstiegen konnte ich das Tempo der Topfavoritinnen gut mitgehen, war bei jeder entscheidenden Aktion an der richtigen Stelle und war zuversichtlich fürs Finale.

In der finalen Runde kam es dann zu einem wahren Sprint an dem Anstieg Richtung Singletrail. Ich gab alles und konnte als 4. die Einfahrt in den Trail nehmen. Nach etwa 500 Metern kam Annika Langvad von der Strecke ab. Ich sah Jolanda und Sabine vorbeihuschen und musste aber selber kurz einen Fuß aus dem Pedal nehmen um vorbei zu kommen. Von da an gabs für mich nur noch Vollgas. Ich sah die beiden vor mir aber ich hatte durch den Beinahe Stopp schon ein ziemliches Loch von etwa 10 Sekunden. Ich gab alles! Kurz darauf kam die gestürzte Langvad von hinten. Sie sprintete regelrecht bei mir vorbei, ich hatte null Chance zu reagieren. Als Gunn Rita dann von hinten kam, konnte ich mich an ihr Hinterrad hängen. Eine kurze Unachtsamkeit bei der Ausfahrt aus dem Trail bescherte mir dann jedoch ein kleines Loch, welches sich in der Flachpassage weiter vergrößerte. Meine einzige Chance bestand jetzt noch im letzten Anstieg 5 km vor dem Ziel. Ich gab alles und die Fans entlang dieses Anstges waren der absolute Wahnsinn. Danke für diese Mega Stimmung! Das war Gänsehaut pur! Ich näherte mich nochmal und es fehlten keine 10 Meter auf ihr Hinterrad und dann war der Anstieg zu Ende. Das Loch wurde wieder größer und ich verfluchte dass ich nicht etwas mehr Masse mitbrachte. Somit musste ich mich alleine die letzten 5 flachen km ins Ziel kämpfen. Mit 44 Sekunden Rückstand auf die neue Weltmeisterin und gerade mal 30 Sekunden auf die Bronzemedille beendete ich mein WM Rennen auf dem 5. Platz.

Meine bisher beste Platzierung bei einer Weltmeisterschaft, auf einer Strecke von der eigentlich jeder gesagt hat die ist nicht geeignet für mich. Ich hatte damals selbst meine Zweifel als ich hörte dass hier die WM ist, doch mit der richtigen Vorbereitung und der richtigen Einstellung auf so ein Rennen kann vieles funktionieren. Mich macht es glücklich, da ich anscheinend auf jedem Terrain gut fahren kann.

Ich bin sehr zufrieden, auch wenn ich in der Nacht nach dem Rennen lange überlegt habe was denn passiert wäre wenn Langvad nicht von der Strecke abgekommen wäre, oder wenn ich den Fehler am Ende des Trails nicht gemacht hätte und es geschafft hätte Gunn Ritas Hinterrad zu halten....

Aber das ist eben Radsport, es kann immer so viel passieren, man weiß nich zu 100% ob man seine Leistung auch ins Ziel bringen kann. Das ist manchmal erbarmungslos aber das macht diesen Sport auch so schön.

Ich bin jetzt einfach mal nur glücklich und zufrieden dass der erste Teil meiner Saison so perfekt funktioniert hat. Trotz so einiger Startschwierigkeiten und so mancher Unruhen zwischendurch konnte ich meinen Fokus halten und meine Leistung abrufen. Das macht mich glücklich :-)

Bis bald

 

 

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© 2012 Christina Kollmann